von: Markus Gelau
Brötchen für 5 Pfennig, Monatsmieten von 60 Mark, Gratis-Gesundheitssystem, Gratis-Bildungssystem, subventionierte Kinderschuhe, Gratis-Schulbücher, Schulessen für alle Kinder für 55 Pfennig. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, und was all diese Errungenschaften des ehemaligen "Arbeiter- und Bauernstaates" gemeinsam haben: Sie werden heute immer noch gerne zusammengefasst mit der absurden Schlussfolgerung:
"..und deswegen war die DDR ja auch pleite!".
Die DDR mag ihre Fehler gehabt haben. Aber zu kritischer Auseinandersetzung mit der (eigenen) Geschichte gehört es auch, Fakten als solche anzuerkennen. Zu diesen Fakten zählen nicht nur eine Menge bemerkenswerte gesellschaftliche, politische und zivilisatorische Errungenschaften dieses kleinen, nur 40 Jahre existierenden deutschen Staates (des einzigen deutschen Staates, der nie einen Krieg führte), sondern eben auch die Geschehnisse rund im seine "Abwicklung" sachlich zu beleuchten. Die – so lautet bis heute die Erzählung – ja schnell passieren musste, da diese DDR ja ohnehin "auf dem letzten Loch pfiff".
Das gängige Urteil über die DDR-Wirtschaft ist längst gefällt: Selbstverständlich war die DDR 1989 am Ende! Und weil Wirtschaftsfragen für die breite Öffentlichkeit ohnehin als trocken und sperrig gelten, wird außerhalb von Fachkreisen auch nur wenig über diese Frage diskutiert. Vermutlich ist das sogar im Interesse, neuerer, gesamtdeutscher Geschichtsschreibung.
Für die Menschen, die in der DDR lebten und arbeiteten, bleibt die "Pleite-DDR" jedoch ein zentrales Thema. Viele hatten das Land nach dem Krieg in "Volkseigenen Betrieben (VEB)", "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG)", oder an 9 (international geachteten) Universitäten, 14 Akademien und unzähligen Hochschulen mit aufgebaut. Und: Viele dieser DDR-Bürger und sahen sich nach 1989 als ABM-Kräfte gezwungen, die Trümmer ihrer eigenen Betriebe zusammenzukehren.
Wem eben noch "blühende Landschaften" versprochen wurden, und der im nächsten Moment für Jahre in die Arbeitslosigkeit rutscht – für den bleibt die Frage nach dem "Warum" auch Jahrzehnte nach den Geschehnissen aktuell. Bereits kurz nach der "Wiedervereinigung" war im Osten Deutschlands, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR (die keine Arbeitslosigkeit kannte), jeder Dritte arbeitslos.
Selbst wirtschaftlich solide Unternehmen fielen Betrug zum Opfer oder wurden unter Duldung (oder sogar Anleitung) der Treuhand von westlicher Konkurrenz verdrängt.
Wie war das möglich? Schließlich belegte offiziell die DDR Ende der 1980er noch den 10. Rang unter den Industriestaaten der Welt?!
WAR HIER ETWA EINE GIGANTISCHE VERSCHWÖRUNG AM WERK?
Die wirtschaftliche Situation der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Jahr 1989 war durchaus von erheblichen Herausforderungen geprägt. Die Planwirtschaft war nicht in allen Bereichen effizient, einige Produktionsanlagen waren veraltet und erhebliche Umweltprobleme führten zu einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit. Dennoch war die DDR das wirtschaftsstärkste Land des sogenannten "Ostblocks", das im ganz wesentlichen auch andere Volkswirtschaften stützte.
Jedoch: Die wirtschaftliche Situation der DDR zum Zeitpunkt des Mauerfalls 1989 wird häufig und geradezu inflationär als bankrott beschrieben. Doch eine genauere Analyse zeigt, dass diese Darstellung nicht haltbar ist. Zusätzlich soll dieser Artikel einige historische Hintergründe und Zahlen beleuchten, die offenbar immer noch vielen Interessierten nicht geläufig sind.Abbildung: Taffe Muttis am Berliner Alex, Anfang der 1980er.
EIN GENAUER BLICK AUF DIE ZAHLEN
Die exakte Höhe der Auslandsverschuldung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Jahr 1989 variiert je nach Quelle und Definition. Allgemein wird die Staatsverschuldung der BRD für dieses Jahr auf etwa 929 Milliarden Deutsche Mark (DM) geschätzt. Dies entsprach einer Verschuldungsquote von rund 41,8 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Zum Vergleich: Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hatte im selben Zeitraum eine Staatsverschuldung von etwa 86,3 Milliarden DM, was einer Verschuldungsquote von etwa 27,6 % des BIP entsprach.
Pro Kopf bedeutete dies im Jahr 1989 eine Schuldenlast von ca. 5.384 DM für DDR-Bürger gegenüber etwa 15.000 DM für BRD-Bürger. Dass es nur ca. 16 Millionen DDR-Bürger gegenüber 80 Millionen BRD-Bürgern gab, macht die Zahlen natürlich noch einmal ungleich brisanter. Diesen Fakt ruhig mehrmals lesen!
Es ist wichtig zu beachten, dass die genannten Zahlen die Gesamtverschuldung betreffen, also sowohl Inlands- als auch Auslandsverbindlichkeiten umfassen.
Zusätzlich verfügte die DDR über erhebliche Vermögenswerte, darunter Immobilien, Industriebetriebe und Infrastrukturen, sowie Spareinlagen der Bevölkerung. Dies bedeutet: Trotz der (im Vergleich geringen) Staatsverschuldung, war die DDR im internationalen Vergleich eines der wohlhabendsten Länder der Erde. Denn der "Arbeiter- und Bauernstaat" verfügte über ganz erhebliche Vermögenswerte, darunter Immobilien, industrielle Anlagen und Infrastrukturen. Schätzungen zufolge betrug der Wert des DDR-Produktivvermögens zwischen 1,2 und 1,5 Billionen DDR-Mark.
Wo nun aber diese gigantischen Vermögenswerte hin sind: Das liefert genug Stoff für diverse Krimis...
Abbildung: Das Berliner Sport- und Erholungszentrum (SEZ) Ende der 1980er Jahre
VERSCHWÖRUNG? FEHLER? ODER BEWUSSTE TÄUSCHUNG? DAS GEHEIME "SCHÜRER-PAPIER"
Das "Schürer-Papier" war eine geheime Analyse der DDR-Wirtschaft, die 1989 von Gerhard Schürer, dem Chef der Staatlichen Plankommission, erstellt wurde. Und "geheim" bedeutet wirklich geheim, denn die DDR-Bevölkerung erfuhr von diesem Papier erst Jahre später.
Es zeigte, dass die DDR angeblich stark verschuldet war und eine geringe Arbeitsproduktivität aufwies. Das Papier betonte die angeblichen wirtschaftlichen Probleme der DDR und trug zur Darstellung der DDR als wirtschaftlich bankrott bei – seine Aussagen werden bis heute gebetsmühlenartig in Medien, aber auch von vielen Bürgern wiederholt. Allein: Die Kernaussagen des Papiers sind falsch oder verkürzt und wurden bereits kurz nach dessen Veröffentlichung revidiert.
Im Oktober 1989, als die SED-Regierung bereits wankte, beauftragte Egon Krenz Wirtschaftsexperten mit der Erstellung einer detaillierten Analyse der DDR-Wirtschaft. Die ungeschönte "Schürer-Papier"-Analyse, verfasst von genanntem Gerhard Schürer, sollte die politische Führung über die wirtschaftlichen Missstände aufklären. Diese Analyse war absolut entscheidend für die Entwicklungen rund um die bevorstehende Wiedervereinigung.
Sieben Tage nach der Beauftragung war das "Schürer-Papier" fertig und zeigte wenig positive, aber vor allem alarmierende Zahlen. Während es Erfolge wie ein stetiges Wachstum des Nationaleinkommens und den Bau von drei Millionen Wohnungen aufführte, offenbarten die angeblichen negativen Punkte eine geringe Arbeitsproduktivität, veraltete Anlagen und steigende Auslandsschulden. Besonders dramatisch war die dort aufgeführte Verschuldung von 49 Milliarden DM. Als die DDR-Regierung 1990 mit dem Papier in Verhandlungen mit BRD-Kanzler Kohl trat, wurde es von der Regierung der BRD genutzt, um die harte Haltung zu untermauern:
"Es gibt nichts zu verhandeln."
Aber traf das zu? Die DDR war vielleicht in den Augen einiger Bürger politisch bankrott, aber war sie auch finanziell pleite? Zahlungs- und handlungsunfähig? Die Antwort ist eindeutig: Nein! Doch die Wahrheit dringt bis heute nicht durch.
Historischer Fakt: Zehn Tage nach Vorlage der ersten Fassung des Schürer-Papiers meldete die DDR noch einmal 13 Milliarden DM auf der Habenseite nach – die West-Schulden sanken also damals bereits innerhalb weniger Tage auf 36 Milliarden DM. Doch die zuerst veröffentlichte Horrorzahl war in der Welt, und (aus welchen Gründen auch immer) "nicht mehr korrigierbar".
Walter Siegert, 1990 Finanzminister der Modrow-Regierung, belegte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 mehrfach, dass Bundesbankberichte bereits Anfang der 1990er den DDR-Schuldenstand aus der konstruierten Drama-Ecke herausgeholt hatten: Nach dem großen Kassensturz, also als nachgerechnet war, blieben von den im Schürer-Papier angeführte 49 Milliarden DM Schulden, nur noch 19 Milliarden DM übrig. Dieser Summe standen sehr hohe Guthaben entgegen, die die DDR in Entwicklungsländern hatte. So habe die DDR sogar auch diese 19 Milliarden DM noch bezahlt, bilanzierte Siegert.
Schon bevor sich die westdeutsche Bundesbank mit den Zahlen befasste, wies 1989 niemand geringeres als die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) daraufhin, dass die Devisenliquidität der DDR gut war und die Westschulden der DDR nur 50% der angegebenen Summe betrage.
Außerdem waren da noch ausstehende Zahlungsverpflichtungen aus dem sozialistischen Wirtschaftslager: Mit 23 Milliarden DM stand die Sowjetunion bei der DDR in der Kreide, mit etwa sechs Milliarden DM andere Länder wie Ungarn, Polen, Tschechoslowakei. Diese Beträge erließ Bundeskanzler Gerhard Schröder sukzessive ganz oder teilweise. Richtig gelesen: Die nachfolgenden BRD-Regierungen erließen aus politischen Gründen den Schuldnern der DDR ihre Schulden.
Abbildung: ABC-Schützen zeigen ihre gerade erhaltenen Schulbücher. Die uns allen bekannte orange Fibel liegt schon auf dem Tisch
UND WIE STAND ES EIGENTLICH WIRTSCHAFTLICH UM DIE BRD?
Viel wird geschrieben über die ach so marode Wirtschaft der DDR im Jahre 1989. Aber wie stand es eigentlich um die Wirtschaft der Bundesrepublik kurz vor der sogenannten "Wende"? Ende der 1980er-Jahre war die Wirtschaft der BRD zwar noch stark, aber es gab klare Anzeichen für eine elementare Abschwächung:
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Wachstumsschwäche: Das Wirtschaftswachstum verlangsamte sich. Während der "Wirtschaftswunder"-Jahre lag es oft über 4 %, doch in den späten 80ern pendelte es um 2 %.
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Strukturwandel & Deindustrialisierung: Der klassische Industriesektor (Stahl, Kohle, Schiffbau) befand sich in der Krise. Der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft war im Gange, war aber schwierig und oft nicht erfolgreich.
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Extrem hohe Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenquote stieg enorm an, 1987 lag sie in der BRD bei etwa 9 %. Besonders betroffen waren ungelernte Arbeitskräfte und ältere Arbeitnehmer.
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Sehr Hohe Staatsverschuldung: Die Schuldenquote des Staates stieg, auch wegen hoher Sozialausgaben und Subventionen für alte Industrien.
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Inflations- und Zinsprobleme: Die D-Mark war noch stark, aber Inflationssorgen und hohe Zinsen dämpften die Investitionsfreude.
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Internationale Konkurrenz: Die BRD bekam zunehmend extrem hohen Druck aus Asien (Japan, später Südkorea), insbesondere in der Automobil- und Elektronikindustrie.
Abbildung: Der "Schulgarten", wo Generationen DDR-Kinder früh Zusammenhänge in der Natur und den Anbau von Gemüse lernten, aber auch verdammt viel Unkraut jäten mussten...
HATTE DIE BRD GAR EIN INTERESSE AN DER SCHNELLEN "ÜBERNAHME" DER DDR?
Nun schauen wir uns außerdem an, wie sich die (im Jahre 1989 strauchelnde) Wirtschaft der Bundesrepublik offenbar auf Kosten der DDR-Wirtschaft sanierte:
Währungsunion als Schock für die DDR-Wirtschaft:
- Die Einführung der D-Mark führte zur plötzlichen Überbewertung ostdeutscher Produkte.
- DDR-Betriebe wurden schlagartig nicht mehr wettbewerbsfähig, da Löhne in harter Währung gezahlt werden mussten, während Produktivität und Qualität nicht mithalten konnten.
- Folge: Massenhafte Betriebsschließungen und rapide steigende Arbeitslosigkeit in der DDR.
Übernahme ostdeutscher Betriebe durch westdeutsche Unternehmen:
- Westdeutsche Firmen konnten DDR-Betriebe günstig übernehmen oder zerschlagen.
- Die Treuhandanstalt privatisierte DDR-Unternehmen oft zugunsten westdeutscher Investoren, wodurch viele ostdeutsche Unternehmen verschwanden.
Erweiterung des Absatzmarktes für westdeutsche Firmen:
- Die plötzliche Einführung der D-Mark und der wirtschaftliche Zusammenbruch der DDR schufen eine riesige neue Kundschaft für Westprodukte.
- Ostdeutsche Konsumenten mussten westdeutsche Waren kaufen, da ihre eigenen Betriebe nicht mehr produzieren konnten.
Westdeutsche Konzerne profitierten enorm vom Konsumboom in Ostdeutschland.
- Subventionierte Infrastruktur- und Investitionsprogramme kamen fast ausschließlich westdeutschen Firmen zugute.
- Milliardeninvestitionen für den Aufbau Ost wurden vor allem durch westdeutsche Firmen umgesetzt.
- Großaufträge für Infrastruktur (z. B. Autobahnen, Bahnstrecken, Telekommunikation) gingen fast ausschließlich an westdeutsche Unternehmen.
Arbeitsmarkt: Niedrige Löhne in Ostdeutschland als Vorteil für westdeutsche Firmen.
- Ostdeutsche Arbeitnehmer erhielten trotz D-Mark-Einführung deutlich niedrigere Löhne.
- Westdeutsche Firmen verlagerten Produktionsstandorte in den Osten und profitierten von billigerer Arbeitskraft.
Finanzierung der Wiedervereinigung durch DDR-Vermögen.
- DDR-Staatsbetriebe, Immobilien und Bodenflächen wurden oft unter Wert verkauft.
- Staatliche DDR-Vermögen (z. B. Devisenreserven) flossen in die Bundeshaushalte.
- DDR-Spareinlagen in Höhe von rund 160 Milliarden Mark wurden entwertet.
Abbildung: Belebte Innenstädte unserer Kindheit. hier: Gera Anfang der 1980er.
DIE DDR: DAS WAHRE DEUTSCHE WIRTSCHAFTSWUNDER
Außerdem kündigte sich bereits der Ost-West-Konflikt an: Der strategische, schnelle wirtschaftliche Aufbau Westdeutschlands war Priorität.
"Die Wirtschaft ganz Europas ist durch Austausch von Rohstoffen und Fabrikaten mit der deutschen Wirtschaft verflochten. Die Produktivität Europas kann nicht wiederhergestellt werden, ohne dass ein gesundes Deutschland zu dieser Produktivität beiträgt." – so der US-Präsident Hoover Anfang 1947. Damit war freilich alleine Westdeutschland gemeint.
Die Startbedingungen der beiden deutschen Staaten hätten also unterschiedlicher nicht sein können: Während die BRD von massiver Unterstützung seitens der Westmächte (vor allem der USA) profitierte, sah es wirtschaftlich 1949 recht düster im Osten aus:
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98 % der gesamtdeutschen Kriegsreparationen nach 1945 trug allein die DDR.
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Über 3.000 Betriebe, Werke und Industrien wurden nach 1945 als Kriegswiedergutmachung auf dem Gebiet Ostdeutschlands (also der DDR) abgebaut und in den Osten transportiert.
- Ende 1947 besaß die DDR keine einzige doppelgleisige Bahnstrecke mehr. Über 12.000 km Eisenbahnstrecke (und damit 50 % des Schienennetzes von 1938) wurden als Reparationen demontiert.
- Neben den Kriegsschäden wurden der DDR ab 1945 über 30 % aller industriellen und infrastrukturellen Kapazitäten als Reparationen entzogen.
- Die DDR trug die höchste Pro-Kopf-Belastung an weltweiten Reparationszahlungen im 20. Jahrhundert.
- Verglichen mit der BRD trugen DDR-Bürger eine Reparationsbelastung, die pro Kopf 130-mal so hoch war.
- Bei Gründung beider deutscher Staaten verfügte die DDR nicht einmal über 40 % des Kapitalstocks (Sachkapital, technische Anlagen, Fabriken usw.) der BRD.
- Über den Marshallplan pumpten die USA (in eigenem Interesse) nach heutigem Wert über 133,95 Milliarden Dollar in den industriellen Wiederaufbau Europas.
- Höhe der davon auf die DDR entfallenden Summe: 0,00 Dollar.
- Umgekehrt leistete allein die DDR bis Mitte der 1950er Jahre 100 Milliarden DM an Reparationszahlungen.
- Trotzdem besaß die kleine DDR mit nur 16 Millionen Einwohnern bereits 25 Jahre nach ihrer Gründung (und bis zu ihrer Annexion 1989) den höchsten Lebensstandard, die größte Produktivität und die leistungsfähigste Wirtschaft aller Ostblockstaaten (inkl. der Sowjetunion).
Kurz gesagt: Liebe Leute, egal, was in eurem (neueren) Geschichtsbuch steht: Die unbequeme, aber historische Wahrheit ist – das einzig reale deutsche Wirtschaftswunder passierte in der DDR. Gewinne der westdeutschen Wirtschaft, aber auch der Wohlstand und Konsum der BRD-Bürger basierten übrigens nicht erst nach der Wiedervereinigung auf DDR-Leistung. Bereits zuvor nutzte die BRD die DDR als billigen Produktionsstandort hochqualitativer Waren. Das BRD-Versandunternehmen Quelle wurde mit DDR-Produkten zum Branchenführer. Bereits seit 1964 wurden elektronische Artikel von den DDR-Kombinaten Robotron, RFT, Mikroelektronik Erfurt oder Carl Zeiss Jena im Westen unter der Marke "Privileg" in der BRD verkauft. Auch Möbel und Kleidung, die über den Quelle-Katalog bestellt werden konnten, kamen aus der DDR. IKEA wurde zum westdeutschen Marktführer dank Produktion in der DDR. Tatsächlich gingen in den 1980er Jahren über 50% aller Wirtschaftsexporte der DDR in die BRD.
Nochmal: Ein Großteil der hochqualitativen Konsumgüter, die in der BRD verkauft wurden, wurde bis 1989 in der DDR produziert. Heimtextilien, Kinderkonfektion, Damenkonfektion, Herrenkonfektion, Spielzeug, Möbel, Elektrogeräte, ja sogar Süßwaren und Lebensmittel: BRD-Haushalte waren (meist ohne es zu wissen) bis zum Dach mit DDR-Produkten gefüllt. Insgesamt bezogen über 6.000 westdeutsche Firmen ihre Produkte aus dem Osten. Darunter auch Salamander, Schiesser, Adidas und Bosch. Auch der Verkaufsschlager von Beiersdorf, die "Nivea Creme", wurde in der DDR hergestellt.
Ab 1990 jedoch wurde die nahezu vollständige Zerstörung selbständiger ostdeutscher Betriebe vor allem damit verargumentiert, dass plötzlich deren Qualität für den Markt nicht ausreiche. Ein Märchen, das sich (ebenso wie die angebliche Überschuldung der DDR) bis heute hält.
ZUSAMMENFASSUNG
Zusammenfassend war die DDR 1989 wirtschaftlich höchstens angeschlagen, aber zu keinem Zeitpunkt zahlungsunfähig oder gar "pleite". Die Darstellung der "bankrotten DDR" diente ganz klar politischen Zielen und beeinflusste maßgeblich den Verlauf der Wiedervereinigung. Das ist nun keine Verschwörungstheorie, sondern über 35 Jahre nach den Geschehnissen allgemeiner historischer Konsens.
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weiterführende Linktipps:
Süddeutsche: Ausverkauf der Republik
Die Welt: Die DDR war in Wahrheit gar nicht pleite
Deutschlandfunk: Das Märchen von der bankrotten DDR
MDR: Wie pleite war die DDR?
Bundeszentrale für politische Bildung: Eine äußerst widersprüchliche Vereinigungsbilanz
Die Zeit: Deutsches Tabuwort Reparation
West-Kataloge voller Ost-Produkte